Die mediatisierte (Re-)Konstruktion der Wissenschaft. Wie Medien auf die sozialen Institutionen einer Subsinnwelt wirken
Abstract
Wissenschaft lässt sich als eine Subsinnwelt verstehen, die durch soziale Interaktions- und Kommunikationsprozesse zwischen Wissenschaftler:innen konstruiert wird. Der innerwissenschaftliche Austausch erfolgt dabei in der Regel durch unmittelbare physische Interaktionen, die ein breites Repertoire an verbalen und nonverbalen Mitteln bieten. Dieser Austausch stützt sich zudem auf etablierte soziale Institutionen, die Normen, Werte und Erwartungen bündeln und so verbindliche Rahmenbedingungen für soziale Interaktionen schaffen. Auf diese Weise wird das Verhalten von Wissenschaftler:innen sowie der innerwissenschaftliche Austausch strukturiert und normiert. Mit dem Aufkommen und der zunehmenden Bedeutung digitaler Medien haben sich die Kommunikations- und Interaktionsprozesse in der Wissenschaft verändert. Digitale Technologien ermöglichen eine kontinuierliche Interaktionsebene, die unabhängig von Raum und Zeit besteht und nicht mehr auf physische Präsenz angewiesen ist. Medien wirken hierbei als technische Institutionen, die die Kommunikation und Interaktion unter Wissenschaftler:innen strukturieren, indem sie deren Rahmenbedingungen mitgestalten. Auf diese Weise können Medien bestehende soziale Institutionen entweder stabilisieren, transformieren oder neue Institutionen erschaffen, die auf digitalen Praktiken beruhen. In diesem Sinne beeinflussen Medien die Art und Weise, wie Wissenschaft betrieben, organisiert und kommuniziert wird. Um die Verflechtung von Wissenschaft und Medien zu untersuchen, bietet das Konzept der Mediatisierung in dieser Dissertation einen geeigneten Rahmen. Anhand dessen können die Veränderungen der Kommunikations- und Interaktionsprozesse zwischen Wissenschaftler:innen durch Medien analysiert werden. Die kumulative Dissertation untersucht dazu empirisch drei verschiedene Bereiche der Wissenschaft: die individuelle Selbstpräsentation von Wissenschaftler:innen im Internet, virtuell durchgeführte Begutachtungsverfahren sowie virtuelle Kolloquien in Forschungsgruppen. Die Ergebnisse zeigen, dass der innerwissenschaftliche Austausch grundsätzlich durch soziale Institutionen geprägt ist, die sich unter dem Einfluss digitaler Medien und Mediatisierung in unterschiedlicher Form wandeln. Dabei lassen sich drei zentrale Formen unterscheiden: Beharrung, Anpassung und Neuentstehung. Einige soziale Institutionen sind stabil und widerstandsfähig gegenüber dem verstärkten Einsatz digitaler Medien, da sie tief in der Wissenschaft verankert sind. Demgegenüber gibt es soziale Institutionen, die sich an die digitalen Bedingungen anpassen, dabei aber ihre bisherige Funktion erfüllen und so in modifizierter Form fortbestehen. Zuletzt gibt es soziale Institutionen, die sich auf der Grundlage digitaler Kommunikations- und Interaktionsprozesse neu herausbilden und dabei neue Formen des wissenschaftlichen Austauschs schaffen. Schlussendlich kann die Dissertation zeigen, dass sich die Wissenschaft in einem ständigen Wandel befindet, wobei die Herausforderung darin besteht, eine Balance zwischen den bewährten und den neuen digitalen Interaktionsformen zu finden, die durch soziale Institutionen gerahmt werden. Mediatisierung trägt so zur (Re-)Konstruktion der Wissenschaft bei, indem sie bestehende soziale Institutionen transformiert oder neue soziale Institutionen etabliert, die sich wiederum auf die Kommunikations- und Interaktionsprozesse von Wissenschaftler:innen auswirken. In Zukunft wird die zentrale Aufgabe der Wissenschaft darin bestehen, solche sozialen Institutionen zu etablieren, die sowohl bewährte als auch digitale Interaktionsformen integrieren und so die Vorteile der Digitalisierung nutzen, ohne die wissenschaftliche Sozialität zu vernachlässigen
Details
- betreut von
- Henning Laux
- Organisationseinheit(en)
-
Institut für Soziologie
PhoenixD: Simulation, Fabrikation und Anwendung optischer Systeme
- Typ
- Dissertation
- Anzahl der Seiten
- 59
- Publikationsdatum
- 26.11.2025
- Publikationsstatus
- Veröffentlicht
- Elektronische Version(en)
-
https://doi.org/10.15488/20099 (Zugang:
Offen
)